Gnade und Gesetz

Der Unterschied zwischen dem alten und neuen Testament ist wesentlich der: Während im AT das Gesetz gilt (also jede Abweichung vom Göttlichen wird am jüngsten Tag bzw. beim Tod unumstößlich geahndet, ist im NT die Aussicht auf Gnade beschrieben: Bei diesem Konzept kann ein Fehlverhalten auch ohne (harte) Sanktion bleiben.

Ich hörte von einem katholischen Priester, einem Benediktiner: “Jesus ist mein Freund. Er hat für alle meine Sünden gebüßt - mir ist die Gnade Gottes sicher.” Das ist natürllich ein törichtes und falsches Verständnis der Gnade Gottes - und ein falsches Verständnis von Freundschaft ist es auch.

Richtig ist, daß es drei Wege gibt, in das eigene Schicksal zu finden bzw. in ihm zu leben.

- Der erste ist: Ein Mensch weicht nie vom Weg ab.

- Der zweite: Er ist abgewichen, hat aber aus freien Stücken zunächst erkannt, was falsch war und dann das Fehlverhalten (oder die falschen Einstellungen) abgestellt und alles getan, um jetzt das richtige zu tun.

- Der dritte: Er ist abgewichen und ohne Einsicht bzw. Selbstkritikfähigkeit auf dem falschen Weg weitergegangen. Jetzt kann sich das Schicksal melden und den Irrweg dieses Menschen von außen korrigieren. Zum Beispiel mit einem Schicksalsschlag.

Diese dritte Möglichkeit ist diejenige, wie sie das biblische Gesetz beschreibt. Andere Religionen sprechen von Karma. Das meint das selbe. Die zweite Möglichkeit ist der wahre Gnadenweg. Damit ist deutlich: Gnade ist nicht das, was unser Priester sich vorstellt. Ganz deutlich: Auch Gnade erfordert Mitarbeit. Zum ersten braucht man nichts zu sagen.

Aber zurück zum zweiten: Wir leben in einer Übergangszeit, in der manche Menschen aufwachen von einem uninspirierten schlafwandlerischen Dasein und klar und bewußt leben dürfen. Und da passiert jetzt etwas ganz besonderes:

Wir begegnen Menschen. Es sind konfliktbeladene Begegnungen. Begegnungen, die uns auf unseren Schatten hinweisen. Wir können jetzt leugnen bzw. projizieren oder arbeiten.

Wenn wir in diesem Prozeß nach den Regeln der Gnade unseren Schatten ansehen und klären, kommen wir der göttlichen Wirklichkeit immer näher und wir erfahren tatsächlich am Ende des Weges den Himmel. Wenn nicht, gibt es irgendwann nur noch den dritten Weg. Aus dem Einsichtsweg wird ein Leidensweg.

Nocheinmal für den genannten Priester: Gnade ist eine zweite Chance und kein Freispruch für alles und jeden. Ich erlebe zur Zeit viele Menschen, die diese zweite Chance, verlockt durch falsche Heilsversprechen, ungenutzt an sich vorbeiziehen lassen. Oder Menschen, die verstockt diese Chance und den Wandel nicht einmal erkennen. Das müßte nicht sein.

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